Fotos

Vorfreude

Rostocker Weihnachtsmarkt

Abendlicher Spaziergang ĂŒber den Weihnachtsmarkt. Über allem liegt erwartungsvolle Stille. Hier und da verbreitet die Beleuchtung anheimelnde Stimmung, letzte Hand wird an die Dekoration gelegt, vereinzelt noch mal die Waren gerichtet. Morgen geht es los. Heute Abend haben die Schausteller Jeans und Sweatshirt gegen “Menschenhose”, Hemd und Sakko getauscht. Auch die Frauen haben sich fein gemacht. Denn heute sind sie eingeladen ins Rathaus.

Die Hansestadt will “ihren” Schaustellern Danke sagen fĂŒr die gute Zusammenarbeit ĂŒbers Jahr. Der Weihnachtsmann ist auch gekommen. Vor 30 Jahren stand er zum ersten Mal auf der MĂ€rchenbĂŒhne. DafĂŒr bekommt er heute eine Torte mit seinem Konterfei. Die MĂ€rchentante ist da, dazu die Feen, der RĂ€uber Immerklug und der Kater. Nachher werden sie uns noch mit einem Ausschnitt aus ihrem BĂŒhnenprogramm verzaubern, aber erst darf der OberbĂŒrgermeister reden.

Er spricht nicht gut, so, als wĂ€re ihm die fertige Rede gerade erst in die Hand gedrĂŒckt worden, aber was er sagt, hat Hand und Fuß. “Alleinstellungsmerkmal” ist sein Lieblingswort. Und davon hat nicht nur die Hansestadt einige, sondern auch ihr Weihnachtsmarkt mit seiner Kombination aus weihnachtlichem Markttreiben, MĂ€rchenbĂŒhne, historischem Weihnachtsmarkt und FahrgeschĂ€ften. Das lockt nicht nur die eigenen BĂŒrger in die Innenstadt, sondern auch Besucher aus dem Umland, aus ganz Deutschland, aus DĂ€nemark, Schweden, Niederlanden, Litauen, wie die große Anzahl an Reisebussen beweist, die jedes Jahr wieder unsere Stadt ansteuern. Und so ist der Weihnachtsmarkt ein wichtiger Wirtschaftsfaktor nicht nur fĂŒr die beteiligten Schausteller und Markttreibenden, sondern auch fĂŒr die GeschĂ€fte der Innenstadt, den Tourismus, das Hotel- und GaststĂ€ttengewerbe. Ein Wirtschaftsfaktor, den man im Blick behalten muss, wenn man sich fĂŒr einen Standort fĂŒr ein neues Theater entscheidet, der vielleicht eine wichtige SĂ€ule dieses unseres Weihnachtsmarktes abschneidet. Der OberbĂŒrgermeister hat seine Position klar gemacht, aber allein entscheiden kann er natĂŒrlich nicht.

Der Weihnachtsmann im Rostocker Rathaus

Zum Abschluss wird noch mal gesungen. “Weihnachten, Weihnachten steht vor der TĂŒr.” Nun ist die Vorweihnachtszeit eingelĂ€utet, das Buffet ist eröffnet. Der Abend klingt aus mit angeregten GesprĂ€chen, denn wann hat man schon mal Gelegenheit, sich in aller Ruhe zu unterhalten, ohne dass schon wieder das GeschĂ€ft ruft. Ab morgen sehen wir uns wieder draußen auf dem Markt, bei Mutzen, Rauchwurst, Backbanane, treffen uns zu einem GlĂŒhwein, die Wangen rot von der Karussellfahrt, in der Hand der Beutel mit den WeihnachtseinkĂ€ufen.

Fröhliche Weihnachten! Happy Holidays!

November

Solchen Monat muss man loben;
Keiner kann wie dieser toben,
keiner so verdrießlich sein,
und so ohne Sonnenschein!
Keiner so in Wolken maulen,
keiner so mit Sturmwind graulen!
Und wie nass er alles macht!
Ja, es ist ‘ne wahre Pracht.

Seht das schöne Schlackerwetter!
Und die armen welken BlÀtter,
wie sie tanzen in dem Wind
und so ganz verloren sind!
Wie der Sturm sie jagt und zwirbelt
und sie durcheinanderwirbelt
und sie hetzt ohn’ Unterlass;
Ja, das ist Novemberspaß!

Und die Scheiben, wie sie rinnen!
Und die Wolken, wie sie spinnen
Ihren feuchten Himmelstau
Ur und ewig, trĂŒb und grau!
Auf dem Dach die Regentropfen:
Wie sie pochen, wie sie klopfen!
Und an jeder Traufe hÀngt
TrĂ€n’ an TrĂ€ne dicht gedrĂ€ngt.

O, wie ist der Mann zu loben,
Der solch unvernĂŒnft’ges Toben
Schon im voraus hat bedacht
Und die HĂ€user hohl gemacht!
So dass wir im Trocknen hausen
Und mit stillvergnĂŒgtem Grausen
Und in wohlgeborgner Ruh
Solchem GrÀuel schauen zu!

Gedicht von Heinrich Seidel (1842-1906)

Farewell

Im letzten Jahr war sie der Stargast auf dem grĂ¶ĂŸten Volksfest in unserem Bundesland. Stets war sie von Menschen umlagert, viele statteten ihr einen Besuch ab, fasziniert von ihrer Erscheinung, ihrer Geschichte und der Geschichte hinter der Geschichte.

Ich erinnere mich noch gern an den Abend, als ich ihr zu FĂŒĂŸen saß und mit einem Glas Rotwein in der Hand dem leisen PlĂ€tschern der Wellen lauschte. Da hat sie mir am besten gefallen, wie sie so still in der Dunkelheit lag, ohne Trubel, nur von ein paar Bordlichtern erhellt.

Immer eine Handbreit Wasser unter dem Kiel, habe ich ihr gewĂŒnscht. Nun ist ihr das Wasser zum VerhĂ€ngnis geworden. Im Tropensturm Sandy wurden die Wellen zu hoch und die Mannschaft musste das Schiff aufgeben.

Das Original wurde versenkt, damit es nicht den Aufenthaltsort der meuternden Seeleute verraten konnte. Der Nachbau schaffte es nicht am Hurricane vorbei und wurde vom Meer verschlungen.

Mit Wehmut denke ich an das schöne Schiff zurĂŒck, aber auch an die Menschen, die bei ihrem Untergang ihr Leben ließen.


Filmstar

Artikel vom 12. August 2011

HMS Bouty auf der Hanse Sail 2011 in Rostock

Ich habe einen Filmstar gesehen. Einen echten Hollywoodstar. Ich habe sie sogar angefasst.

In ihrer Jugend hat sie mit Marlon Brando gedreht. Der Film ist nach ihr benannt. SpÀter war sie auch noch an anderen Produktionen beteiligt. Zuletzt in einem bekannten Piratenfilm, aber nicht als Schwarze Perle.

Sie ist ĂŒber den großen Teich geschippert und hat auf ihrer Welttournee in meinem Heimathafen angelegt.

HMS Bouty auf dern Hanse Sail 2011 in Rostock

Nun ist sie schon fĂŒnfzig Jahre alt. Aber sie gehört zu den Frauen, die nicht altern, sondern nur reifer werden, und schöner. Sie ist eine echte Diva, hĂ€lt Hof und lĂ€sst sich bewundern. Ihre Bediensteten sind standesgemĂ€ĂŸ bekleidet.

Aber am Abend schickt auch sie alle weg und begibt sich zur Ruhe. Sie genießt die Stille und trĂ€umt einem neuen Trag voller Trubel entgegen.

Schlaf gut, Bounty! Allzeit gute Fahrt und immer eine Handbreit Wasser unterm Kiel.

HMS Bouty auf der Hanse Sail 2011

Die vierte Dimension

Astronomische Uhr der Marienkirche in Rostock

Wir können sie nicht hören.
Wir können sie nicht sehen.
Wir können sie nicht anfassen.

Wir können sie nicht riechen und nicht schmecken und trotzdem ist sie immer in unserem Bewusstsein – die Zeit. Meistens als etwas, wovon wir nichts oder zu wenig haben. Aber kann man Zeit wirklich haben?
Dem Tag folgt die Nacht und wieder ein Tag. Im Wechsel der Jahreszeiten dreht sich die Jahresuhr. Zeit ist VerÀnderung. Wir können nicht zweimal am selben Fluss stehen, denn auch der hat seine Zeit und Àndert sich.

Wir messen sie und pressen sie in ein System aus Stunden, Minuten und Sekunden. Sie bestimmt unser Leben. PĂŒnktlichkeit ist ein hohes Gut in unserer Gesellschaft. Wir schimpfen, wenn wir warten mĂŒssen und Zeit “verschwenden”. Manchmal schrecken wir auf und fragen uns: Wo ist die Zeit geblieben?

Sie vergeht. Aus Zukunft wird Gegenwart und Vergangenheit. Nur ein Wimpernschlag – und schon ist der Augenblick vorbei und nur noch Erinnerung.
Wir erleben die Zeit. Manchmal scheint sie sich auszudehnen und schleicht dahin. Die Stunde des Wartens will nicht vergehen. Dann wieder zieht sie sich zusammen und rast vorbei. Manchmal scheint sie still zu stehen und wir nehmen im Bruchteil einer Sekunde so viele Gedanken und EindrĂŒcke in uns auf, wie sie sonst fĂŒr einen ganzen Tag reichen.

Zeit – sie entzieht sich einer einheitlichen Definition. Physiker, Philosophen, Sprachwissenschaftler, jeder beschreibt sie anders. Aber wie auch immer – nutzen wir die Zeit, die uns gegeben ist.

“All we have to decide is what to do with the time that is given to us.” [1]

“FĂŒlle den Tag mit nichts, und er ist vorbei, wenn die Sonne untergeht. Wenn du ihn aber nutzt, ist ein Tag wie hundert Jahre.” [2]

Ein Röslein lebte nur zwei Tage.
Ein Veilchen rief: “Beneidenswerte Lage!
Du lebst ja eine Ewigkeit.'” —
So messen wir die Zeit. [3]

_______________________

[1] aus: J.R.R.Tolkien: The Lord Of The Rings
[2] aus: Claudia Gudelius: Feuerfrosch
[3] hier gefunden und zitiert: gedichte.xbib.de

Flieg ich durch die Welt

Ich habe mich entschieden.

Ich weiß jetzt, wer sie anfĂŒhrt, meine Best-Ever-Top-Ten-Favourite-Song-Liste. (Wer Nick Hornby’s „High Fidelity“ gelesen hat, weiß, was ich meine.) Aber keine Studioaufnahme, auch nicht irgendein Live-Mitschnitt. Am besten ist der Song, wenn man inmitten hunderter Menschen vor einer BĂŒhne steht, auf der fĂŒnf spĂ€rlich oder gar nicht behaarte Musiker agieren. Links die Gitarre mit Hut. In der Mitte der kahlköpfige SĂ€nger, der den recht surrealistischen Text interpretiert und mich unweigerlich an Bilder von Chagall denken lĂ€sst. Rechts der bulgarische Teufelsgeiger, der seinem Instrument immer neue irre Töne entlockt, es wie einen Vogel zwitschern lĂ€sst, um endlich raketengleich zum Himmel aufzusteigen. – GĂ€nsehaut. Jedes Mal neu, jedes Mal anders, jedes Mal noch besser.

Was, du hast sie noch nicht live erlebt? Dann wird es Zeit. SpĂ€testens im nĂ€chsten Jahr hast du die Gelegenheit. Da machen sie eine Tour, um ihren 100sten zu feiern. Naja, eigentlich standen sie vor 40 Jahren das erste Mal zusammen auf der BĂŒhne. Aber der Toni hat gesagt, er möchte gern das HundertjĂ€hrige feiern, und er hat so die leise BefĂŒrchtung, dass sie, wenn es so weit ist, nicht mehr ganz fit sein könnten. Also ziehen sie es ein bisschen vor und begehen zwei JubilĂ€en zusammen.

Man merkt ihnen den Spaß am Musizieren und am Kommunizieren mit dem Publikum an. Intelligente Texte, eine unverwechselbare Stimme, dazu der typische Sound – da springt der Funke ĂŒber und man geht mit dem GefĂŒhl nach Hause: Das war ein toller Abend!

Ach ja, fast hĂ€tte ich es vergessen. Ich soll euch grĂŒĂŸen von Klaus, von Manfred, von Joro, von Fritz und von Toni. Ich war bei City!