Frühling

Frühlingserwachen

In der Pause stehe ich auf dem Balkon und halte meine Nase in die Sonne. Ich schließe meine Augen und genieße die wärmenden Strahlen der Frühlingssonne. Doch wenn ich sie wieder öffne, sehe ich im Garten gegenüber immer noch die Schneereste. Der Winter klammert sich mit weißen Fingern fest und pustet seinen eiskalten Atem durch meine Jacke.

Doch der Frühling lässt sich nicht vertreiben. Im Vorgarten stehen die Narzissen in Bereitschaft. Schon vor Wochen streckten sie ihre grünen Spitzen durch den Schnee. Nun ist hier der Schnee verschwunden. Die Narzissen sind immer noch klein, aber bereit. Ich sehe ihre dicken Knospen zwischen den Blättern. Jeden Tag werden die Schneeflecken kleiner. Und auch wenn das Tauwasser auf den Pfützen jede Nacht wieder gefriert – lieber Winter, du kannst den Frühling vielleicht aufhalten, aber nicht vertreiben!

Frühling im Supermarkt

Heute habe ich zugeschlagen und mir die ersten Frühlingsboten aus dem Supermarkt in meine Wohnung geholt. Schon vor Wochen hab ich sie dort liegen gesehen und mich gefreut – der Frühling naht.

‘Was, schon Anfang Januar? Ist das nicht eigentlich noch tiefster Winter?’, meldet sich ein kleiner Gedanke im Hintergrund.

‘Geh weg!’, versuche ich ihn zu verscheuchen. Aber er drängelt sich zurück.

‘Wenn pünktlich am ersten September der Supermarkt voll ist mit Lebkuchen und Dominosteinen, meckerst du auch.’

Und richtig, dann will ich den Sommer noch festhalten und nicht an Kälte, Dunkelheit und Weihnachten denken. Also hatte ich meine Scheuklappen ausgepackt und die Regale mit all dem Weihnachtskrempel, den der Handel so nett als “Herbstgebäck” bezeichnet, fortan ignoriert. Und das so nachhaltig, dass mir erst ein paar Tage vor dem Fest auffiel, dass ich den ganzen Advent über keine einzige Packung Dominosteine und keine Tüte Lebkuchen gekauft hatte. Als ich dieses Versäumnis nun nachholen wollte, war es zu spät. Die Vorräte waren weg, nur noch ein paar Reste von Keksen, die ich nicht wollte. Ich zuckte die Schultern und dachte, das nächste Weihnachten kommt bestimmt.

Und nun? Gleiche Situation mit anderen Vorzeichen. Der Winter kann mir gestohlen bleiben. Ich freue mich jetzt schon auf den Frühling, dass es hell ist, wenn ich aufstehe, die ersten hellgrünen Spitzen aus der Erde lugen und ich am Morgen von Vogelgezwitscher geweckt werde.

Ich ersticke die Frage, wo die Blumen wohl herkommen, wo es doch eigentlich noch zu früh ist für Osterglocken und Narzissen, stelle meinen politisch völlig unkorrekten Strauß in die Vase und träume vom Frühling.