Gedanken

Einfach mal abschalten

Es gibt ein Jungendschutzgesetz, ein Nichtraucherschutzgesetz, es gibt Schutzgesetze f├╝r Kinder, Familien, Arbeit, Gesundheit, es gibt hunderte Bestimmungen, ├╝berall passt der Gesetzgeber auf uns auf. Aber wer sch├╝tzt uns eigentlich vor dem Fernsehprogramm?

Wer sch├╝tzt die Protagonisten all der billig produzierten Doku- und Castingshows davor, vorgef├╝hrt und der L├Ącherlichkeit preisgegeben zu werden? Wer sorgt sich um die geistige Gesundheit der Konsumenten? Immer wenn ich meine, der Tiefpunkt sei erreicht, stelle ich fest, dass das Niveau noch weiter sinken kann.

Und warum m├╝ssen sich die ├Âffentlich rechtlichen Sender immer mehr den privaten angleichen? Warum habe ich immer, wenn ich die Nachrichten, eine Dokumentation oder Reportage gesehen habe, das Bed├╝rfnis, mich erst mal zum Thema informieren zu m├╝ssen? Sollte ich nicht vielmehr das Gef├╝hl haben, jetzt mehr zu wissen als vorher? Oder soll ich gezielt mit kleinen Informationsh├Ąppchen abgespeist werden, damit ich leichter zu manipulieren bin?

Fragen ├╝ber Fragen – und Gr├╝nde, immer ├Âfter einfach abzuschalten.

St├╝rmische Nachwehen

Da hat Xaver die Form dem Inhalt angepasst und f├╝r einen anst├Ąndigen Dachschaden gesorgt. Der Fahrstuhl ist gesperrt, daf├╝r regnet es im Treppenhaus. Ich h├Ątte meinen Schirm beim Betreten des Geb├Ąudes wohl doch noch nicht wegstecken sollen.

In der Mittagspause die Nachricht: Die Dusche im Treppenhaus ist inzwischen abgestellt. Der Pool kommt doch nicht aufs Dach, sondern in den Keller. Scheint schon voll zu sein. Wir warten auf den Startschuss und freuen uns, dass der Fahrstuhl inzwischen wieder frei gegeben ist. Wann man wohl wieder ohne Schirm auf die Toilette gehen kann?

So sorgt der Orkan f├╝r jede Menge Gespr├Ąchsstoff und f├╝r Abwechslung im ansonsten eher tristen Arbeitsalltag. Und nun ist es f├╝r alle sichtbar: Wir sind nicht ganz dicht. :-)

Stra├čenbahn

Fast jeden Tag fahre ich mit der Stra├čenbahn zur Arbeit und wieder zur├╝ck. Meist krame ich, kaum dass ich einen Platz ergattert habe, mein “Buch” aus der Tasche und verziehe mich in fremde Welten.

Heute ist das anders, heute mache ich auf dem Heimweg einen Zwischenstopp. Da lohnt es nicht, das “Buch” aus der Tasche zu holen. Statt dessen beobachte ich ein bisschen die anderen Fahrg├Ąste.

Vor mir stehen zwei Frauen. Sie unterhalten sich. Das hei├čt, eine der beiden spricht. Nicht so laut, dass es durch die ganze Bahn schallt, aber doch laut genug, dass ich mith├Âre, ohne besonders zu lauschen. Sie spricht offensichtlich von beruflichen Dingen. Die Rede ist von Regulierung und Ma├čnahmen, die geeignet sein m├╝ssen. Von ├ťberregulierung, die alles nur noch verschlimmbessert und der Notwendigkeit abzuw├Ągen. Ihre “Gespr├Ąchspartnerin” kommt allenfalls mal dazu, zustimmend zu nicken oder eine kurzes “Ja”, “Aha” oder “Verstehe.” einzuwerfen. Endlich kommt die Station, an der sie aussteigen muss (darf).

Die zur├╝ckgebliebene Sprecherin lehnt l├Ąssig an der Scheibe, befriedigt und selbstbewusst, noch ganz im Hochgef├╝hl der eigenen Kompetenz.

Ich kenne das Gef├╝hl auch. Da mache ich mir ├╝ber eine Frage Gedanken. ├ťberdenke meine Argumente und formuliere sie im Kopf immer wieder neu. Dann bin ich froh, wenn ich jemanden finde, dem ich sie darlegen kann und der mir geduldig zuh├Ârt. Am allerbesten nat├╝rlich, wenn er dann auch noch zustimmend nickt und ab und an ein “Verstehe” oder “Da hast du recht” einwirft.*

So muss es der Frau in der Stra├čenbahn auch gegangen sein. Vielleicht hat sie ihren Monolog auch nicht zum ersten Mal dargeboten – es h├Ârte sich jedenfalls so an. Nun geht es ihr gut. Sie streut ein paar Gl├╝ckshormone aus und f├Ąhrt zufrieden nach Hause.

Ich habe mir meinen Gl├╝cksmoment auch verschafft und diesen sinnvollen Beitrag verfasst. Und wenn du ihn bis zu Ende gelesen hast, hatte auch ich meinen “Zuh├Ârer” und kann zufrieden nach Hause fahren. :-)

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* Dieser Abschnitt wurde ├╝berarbeitet. Findest du den Unterschied? Hier ist die erste Fassung.

Ich kenne das Gef├╝hl auch. Da macht man sich ├╝ber eine Frage Gedanken. ├ťberdenkt seine Argumente und formuliert sie im Kopf immer wieder neu. Da ist man froh, wenn man jemanden findet, dem man sie darlegen kann und der einem geduldig zuh├Ârt. Am allerbesten nat├╝rlich, wenn er dann auch noch zustimmend nickt und ab und an ein “Verstehe.” oder “Da hast du recht.” einwirft.

Dir ist es aufgefallen? Da war ich doch tats├Ąchlich dabei, mich hinter einem anonymen “man” zu verstecken. Dabei gibt es nichts, was feiger und unehrlicher ist. Wer ist “man”? Ich bin es nicht, und du wahrscheinlich auch nicht. Wer von “man” redet, meint eine anonyme Masse, von der niemand so richtig wei├č, wer dazugeh├Ârt. Und also ist alles, was derjenige ├╝ber “man” aussagt, wenig aussagekr├Ąftig. Es geh├Ârt schon eine gewisse Aufmerksamkeit dazu, und ein bisschen Mut , auch “ich” zu sagen, wenn ich mich meine, und mich nicht hinter einen grauen Masse zu verstecken. Aber ich kann es lernen, und du auch.

Fr├╝hlingserwachen

In der Pause stehe ich auf dem Balkon und halte meine Nase in die Sonne. Ich schlie├če meine Augen und genie├če die w├Ąrmenden Strahlen der Fr├╝hlingssonne. Doch wenn ich sie wieder ├Âffne, sehe ich im Garten gegen├╝ber immer noch die Schneereste. Der Winter klammert sich mit wei├čen Fingern fest und pustet seinen eiskalten Atem durch meine Jacke.

Doch der Fr├╝hling l├Ąsst sich nicht vertreiben. Im Vorgarten stehen die Narzissen in Bereitschaft. Schon vor Wochen streckten sie ihre gr├╝nen Spitzen durch den Schnee. Nun ist hier der Schnee verschwunden. Die Narzissen sind immer noch klein, aber bereit. Ich sehe ihre dicken Knospen zwischen den Bl├Ąttern. Jeden Tag werden die Schneeflecken kleiner. Und auch wenn das Tauwasser auf den Pf├╝tzen jede Nacht wieder gefriert – lieber Winter, du kannst den Fr├╝hling vielleicht aufhalten, aber nicht vertreiben!

Fr├╝hling im Supermarkt

Heute habe ich zugeschlagen und mir die ersten Fr├╝hlingsboten aus dem Supermarkt in meine Wohnung geholt. Schon vor Wochen hab ich sie dort liegen gesehen und mich gefreut – der Fr├╝hling naht.

‘Was, schon Anfang Januar? Ist das nicht eigentlich noch tiefster Winter?’, meldet sich ein kleiner Gedanke im Hintergrund.

‘Geh weg!’, versuche ich ihn zu verscheuchen. Aber er dr├Ąngelt sich zur├╝ck.

‘Wenn p├╝nktlich am ersten September der Supermarkt voll ist mit Lebkuchen und Dominosteinen, meckerst du auch.’

Und richtig, dann will ich den Sommer noch festhalten und nicht an K├Ąlte, Dunkelheit und Weihnachten denken. Also hatte ich meine Scheuklappen ausgepackt und die Regale mit all dem Weihnachtskrempel, den der Handel so nett als “Herbstgeb├Ąck” bezeichnet, fortan ignoriert. Und das so nachhaltig, dass mir erst ein paar Tage vor dem Fest auffiel, dass ich den ganzen Advent ├╝ber keine einzige Packung Dominosteine und keine T├╝te Lebkuchen gekauft hatte. Als ich dieses Vers├Ąumnis nun nachholen wollte, war es zu sp├Ąt. Die Vorr├Ąte waren weg, nur noch ein paar Reste von Keksen, die ich nicht wollte. Ich zuckte die Schultern und dachte, das n├Ąchste Weihnachten kommt bestimmt.

Und nun? Gleiche Situation mit anderen Vorzeichen. Der Winter kann mir gestohlen bleiben. Ich freue mich jetzt schon auf den Fr├╝hling, dass es hell ist, wenn ich aufstehe, die ersten hellgr├╝nen Spitzen aus der Erde lugen und ich am Morgen von Vogelgezwitscher geweckt werde.

Ich ersticke die Frage, wo die Blumen wohl herkommen, wo es doch eigentlich noch zu fr├╝h ist f├╝r Osterglocken und Narzissen, stelle meinen politisch v├Âllig unkorrekten Strau├č in die Vase und tr├Ąume vom Fr├╝hling.

Gedankennebel

Verzweifelt schaue ich auf meinen Blog. Schon seit Ewigkeiten kein neuer Beitrag mehr. Und auch der letzte ist nicht wirklich neu, ist nur zur passenden Zeit nach dem Umzug aus der Kiste gekramt, ein bisschen entstaubt und wieder aufgeh├Ąngt worden. Also Zeit f├╝r etwas Neues!

Denke ich – und starre auf den wei├čen Bildschirm. Da guckt es mich an, das leere unbenannte Dokument, streckt mir die Zunge raus und grinst. Die Gedanken perlen an ihm ab, lassen sich nicht greifen und zu etwas Sinnvollem zusammenf├╝gen. Entnervt stehe ich auf und verschwinde erst mal Richtung K├╝che.
Zigarettenpause = Denkpause.

Denkste! Heute schwebt mein Kopf in undurchdringlichem Nebel. Er f├╝hlt sich an wie mit Watteb├Ąuschchen gef├╝llt, in der Mitte ein schwarzes Loch, das auch noch den kleinsten Gedankenblitz sofort zum Erl├Âschen bringt.

Ich seufze und beschlie├če: Schluss f├╝r heute. Ich werd mal noch ein bisschen daddeln. Und schon wandert der Mauszeiger wie von selbst zum nicht mehr vorhandenen Startbutton. Wenig sp├Ąter schreckt mich das Ger├Ąusch von neunundneunzig explodierenden Bomben auf. Der Nebel ist verschwunden – ich bin wieder da. Aber der Artikel…