Geschichten

St├╝rmische Nachwehen

Da hat Xaver die Form dem Inhalt angepasst und f├╝r einen anst├Ąndigen Dachschaden gesorgt. Der Fahrstuhl ist gesperrt, daf├╝r regnet es im Treppenhaus. Ich h├Ątte meinen Schirm beim Betreten des Geb├Ąudes wohl doch noch nicht wegstecken sollen.

In der Mittagspause die Nachricht: Die Dusche im Treppenhaus ist inzwischen abgestellt. Der Pool kommt doch nicht aufs Dach, sondern in den Keller. Scheint schon voll zu sein. Wir warten auf den Startschuss und freuen uns, dass der Fahrstuhl inzwischen wieder frei gegeben ist. Wann man wohl wieder ohne Schirm auf die Toilette gehen kann?

So sorgt der Orkan f├╝r jede Menge Gespr├Ąchsstoff und f├╝r Abwechslung im ansonsten eher tristen Arbeitsalltag. Und nun ist es f├╝r alle sichtbar: Wir sind nicht ganz dicht. :-)

Vorfreude

Rostocker Weihnachtsmarkt

Abendlicher Spaziergang ├╝ber den Weihnachtsmarkt. ├ťber allem liegt erwartungsvolle Stille. Hier und da verbreitet die Beleuchtung anheimelnde Stimmung, letzte Hand wird an die Dekoration gelegt, vereinzelt noch mal die Waren gerichtet. Morgen geht es los. Heute Abend haben die Schausteller Jeans und Sweatshirt gegen “Menschenhose”, Hemd und Sakko getauscht. Auch die Frauen haben sich fein gemacht. Denn heute sind sie eingeladen ins Rathaus.

Die Hansestadt will “ihren” Schaustellern Danke sagen f├╝r die gute Zusammenarbeit ├╝bers Jahr. Der Weihnachtsmann ist auch gekommen. Vor 30 Jahren stand er zum ersten Mal auf der M├Ąrchenb├╝hne. Daf├╝r bekommt er heute eine Torte mit seinem Konterfei. Die M├Ąrchentante ist da, dazu die Feen, der R├Ąuber Immerklug und der Kater. Nachher werden sie uns noch mit einem Ausschnitt aus ihrem B├╝hnenprogramm verzaubern, aber erst darf der Oberb├╝rgermeister reden.

Er spricht nicht gut, so, als w├Ąre ihm die fertige Rede gerade erst in die Hand gedr├╝ckt worden, aber was er sagt, hat Hand und Fu├č. “Alleinstellungsmerkmal” ist sein Lieblingswort. Und davon hat nicht nur die Hansestadt einige, sondern auch ihr Weihnachtsmarkt mit seiner Kombination aus weihnachtlichem Markttreiben, M├Ąrchenb├╝hne, historischem Weihnachtsmarkt und Fahrgesch├Ąften. Das lockt nicht nur die eigenen B├╝rger in die Innenstadt, sondern auch Besucher aus dem Umland, aus ganz Deutschland, aus D├Ąnemark, Schweden, Niederlanden, Litauen, wie die gro├če Anzahl an Reisebussen beweist, die jedes Jahr wieder unsere Stadt ansteuern. Und so ist der Weihnachtsmarkt ein wichtiger Wirtschaftsfaktor nicht nur f├╝r die beteiligten Schausteller und Markttreibenden, sondern auch f├╝r die Gesch├Ąfte der Innenstadt, den Tourismus, das Hotel- und Gastst├Ąttengewerbe. Ein Wirtschaftsfaktor, den man im Blick behalten muss, wenn man sich f├╝r einen Standort f├╝r ein neues Theater entscheidet, der vielleicht eine wichtige S├Ąule dieses unseres Weihnachtsmarktes abschneidet. Der Oberb├╝rgermeister hat seine Position klar gemacht, aber allein entscheiden kann er nat├╝rlich nicht.

Der Weihnachtsmann im Rostocker Rathaus

Zum Abschluss wird noch mal gesungen. “Weihnachten, Weihnachten steht vor der T├╝r.” Nun ist die Vorweihnachtszeit eingel├Ąutet, das Buffet ist er├Âffnet. Der Abend klingt aus mit angeregten Gespr├Ąchen, denn wann hat man schon mal Gelegenheit, sich in aller Ruhe zu unterhalten, ohne dass schon wieder das Gesch├Ąft ruft. Ab morgen sehen wir uns wieder drau├čen auf dem Markt, bei Mutzen, Rauchwurst, Backbanane, treffen uns zu einem Gl├╝hwein, die Wangen rot von der Karussellfahrt, in der Hand der Beutel mit den Weihnachtseink├Ąufen.

Fr├Âhliche Weihnachten! Happy Holidays!

Stra├čenbahn

Fast jeden Tag fahre ich mit der Stra├čenbahn zur Arbeit und wieder zur├╝ck. Meist krame ich, kaum dass ich einen Platz ergattert habe, mein “Buch” aus der Tasche und verziehe mich in fremde Welten.

Heute ist das anders, heute mache ich auf dem Heimweg einen Zwischenstopp. Da lohnt es nicht, das “Buch” aus der Tasche zu holen. Statt dessen beobachte ich ein bisschen die anderen Fahrg├Ąste.

Vor mir stehen zwei Frauen. Sie unterhalten sich. Das hei├čt, eine der beiden spricht. Nicht so laut, dass es durch die ganze Bahn schallt, aber doch laut genug, dass ich mith├Âre, ohne besonders zu lauschen. Sie spricht offensichtlich von beruflichen Dingen. Die Rede ist von Regulierung und Ma├čnahmen, die geeignet sein m├╝ssen. Von ├ťberregulierung, die alles nur noch verschlimmbessert und der Notwendigkeit abzuw├Ągen. Ihre “Gespr├Ąchspartnerin” kommt allenfalls mal dazu, zustimmend zu nicken oder eine kurzes “Ja”, “Aha” oder “Verstehe.” einzuwerfen. Endlich kommt die Station, an der sie aussteigen muss (darf).

Die zur├╝ckgebliebene Sprecherin lehnt l├Ąssig an der Scheibe, befriedigt und selbstbewusst, noch ganz im Hochgef├╝hl der eigenen Kompetenz.

Ich kenne das Gef├╝hl auch. Da mache ich mir ├╝ber eine Frage Gedanken. ├ťberdenke meine Argumente und formuliere sie im Kopf immer wieder neu. Dann bin ich froh, wenn ich jemanden finde, dem ich sie darlegen kann und der mir geduldig zuh├Ârt. Am allerbesten nat├╝rlich, wenn er dann auch noch zustimmend nickt und ab und an ein “Verstehe” oder “Da hast du recht” einwirft.*

So muss es der Frau in der Stra├čenbahn auch gegangen sein. Vielleicht hat sie ihren Monolog auch nicht zum ersten Mal dargeboten – es h├Ârte sich jedenfalls so an. Nun geht es ihr gut. Sie streut ein paar Gl├╝ckshormone aus und f├Ąhrt zufrieden nach Hause.

Ich habe mir meinen Gl├╝cksmoment auch verschafft und diesen sinnvollen Beitrag verfasst. Und wenn du ihn bis zu Ende gelesen hast, hatte auch ich meinen “Zuh├Ârer” und kann zufrieden nach Hause fahren. :-)

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* Dieser Abschnitt wurde ├╝berarbeitet. Findest du den Unterschied? Hier ist die erste Fassung.

Ich kenne das Gef├╝hl auch. Da macht man sich ├╝ber eine Frage Gedanken. ├ťberdenkt seine Argumente und formuliert sie im Kopf immer wieder neu. Da ist man froh, wenn man jemanden findet, dem man sie darlegen kann und der einem geduldig zuh├Ârt. Am allerbesten nat├╝rlich, wenn er dann auch noch zustimmend nickt und ab und an ein “Verstehe.” oder “Da hast du recht.” einwirft.

Dir ist es aufgefallen? Da war ich doch tats├Ąchlich dabei, mich hinter einem anonymen “man” zu verstecken. Dabei gibt es nichts, was feiger und unehrlicher ist. Wer ist “man”? Ich bin es nicht, und du wahrscheinlich auch nicht. Wer von “man” redet, meint eine anonyme Masse, von der niemand so richtig wei├č, wer dazugeh├Ârt. Und also ist alles, was derjenige ├╝ber “man” aussagt, wenig aussagekr├Ąftig. Es geh├Ârt schon eine gewisse Aufmerksamkeit dazu, und ein bisschen Mut , auch “ich” zu sagen, wenn ich mich meine, und mich nicht hinter einen grauen Masse zu verstecken. Aber ich kann es lernen, und du auch.

Im Land der Wei├čkittel

Sie m├Âchte mich gar nicht mehr gehen lassen, die Frau in dem wei├čen Kittel. Sie spricht von “Einweisen” und “auf Station”. Dabei m├Âchte ich jetzt, wo ich wieder Luft holen kann, eigentlich nur noch nach Hause, mich in mein Bett kuscheln und endlich schlafen. Schlie├člich ist es schon mitten in der Nacht. Doch neben meiner Liege h├Ąngt ein Monitor, der alle viertel Stunde aufgeregt piept. Mein Blutdruck ist dabei, den Everest zu erklimmen und will sich davon partout nicht abbringen lassen. Ein kurzer R├╝ckschlag – und zack – schon ist er wieder auf 180 und schie├čt weiter ├╝bers Ziel hinaus.

War ja klar, dass die Medizinm├Ąnner und -frauen mich nicht so einfach gehen lassen w├╝rden, wenn sie mich einmal in ihren F├Ąngen h├Ątten. Mein Auto ist in besserer Kondition als ich. Schlie├člich f├Ąhrt das jedes Jahr zur Durchsicht und holt sich alle zwei Jahre seinen Stempel ab als Best├Ątigung daf├╝r, dass es nicht zu viel Dreck in die Atmosph├Ąre hustet und dass man mit einem einigerma├čen sicheren Gef├╝hl einsteigen kann, ohne Gefahr zu laufen, dass es einem um die Ohren fliegt.

Ich habe solche Stempel nicht. Und nun befinde ich mich in den H├Ąnden der Wei├čkittel, die mich nicht wieder gehen lassen wollen ohne herauszufinden, warum ich mitten in der Nacht um Atem ringend vor ihrer T├╝r gestanden habe. Recht haben sie. Beeilen sollen sie sich, ich will nach Hause.

Blutsauger sind sie, und Datensammler. Geheimniskr├Ąmer. Wollen alles M├Âgliche und Unm├Âgliche wissen, aber halten sich selbst mit Informationen zur├╝ck. Pieken mir die Unterarme auf, warten, bis es bl├╝ht und juckt und verbieten mir zu kratzen. Einer der geschwollenen, roten Punkte st├Ârt mich am meisten. Meine Katze bleibt, das ist nicht verhandelbar!

Dazwischen schier endloses Warten. Warten auf die n├Ąchste Untersuchung, auf Fr├╝hst├╝ck, Mittag, Abendbrot. Ach, was h├Ątte ich in dieser Zeit alles N├╝tzliches erledigen k├Ânnen. Statt dessen bl├Ąttere ich durch bunte Bl├Ątter, bis mein Ableger mit ein paar Sachen und meinem “Buch” vorbeikommt. Ich stelle fest, dass sich so ein E-Book-Reader nicht nur zum Lesen eignet, sondern auch dazu, Gedanken festzuhalten. Also ist der Tag wenigstens zum Teil gerettet.

Endlich habe ich sie ├╝berredet, mich gehen zu lassen. Morgen schnappe ich mir meine Tasche und lasse mich von meinem Ableger nach Hause chauffieren. Nicht ohne einen Haufen guter Ratschl├Ąge und eine freundliche Einladung f├╝r ein Wiedersehen. Dann bis in vierzehn Tagen.

(Und meine Katze bleibt!)

H├Ârspiel

Nun ist er doch da, der Fernseher im Schlafzimmer. Und schon ist aus dem “Brauch ich nicht” ein “Sch├Ân, dass wir’s haben” geworden. Ist ja auch gem├╝tlich, sich etwas fr├╝her in die Decken zu kuscheln und den Rest der Sendung vom Bett aus anzuschauen.

Sch├Ân auch, wenn Katze zu ihrem Kater sagen kann: “Komm mit ins Bett. Den Rest kannst auch im Schlafzimmer sehen.” Dann kann man sich so sch├Ân ankuscheln, die Augen schlie├čen und zum Einschlafen das H├Ârspiel genie├čen. Doch irgendwie erschlie├čt sich der Inhalt nur st├╝ckchenweise. Kein Wunder, hat Fernsehen doch mit sehen zu tun. Und w├Ąhrend ich den Ger├Ąuschen aus dem Fernseher lausche und versuche, sie in Bilder zu fassen und meinen eigenen Film zu drehen, wandern meine Gedanken weg.

Zu einer Zeit, als ich noch ein junges M├Ądchen war. Regelm├Ą├čig trug ich am Samstagvormittag das alte Kofferradio meiner Eltern ins Badezimmer und lie├č das Badewasser mit reichlich Schaum ein. Dann lag ich gem├╝tlich in der Wanne und lauschte dem Radio, das zu dieser Zeit meist H├Ârspiele ├╝bertrug. Krimis erinnere ich, quietschende T├╝ren, Schritte, die sich n├Ąherten oder entfernten, Rascheln, Knarren, Personen, die schrien, fl├╝sterten, sich unterhielten. Und so entspann sich der Film in meinem Kopf, bis irgendwann der M├Ârder gefasst und das Badewasser kalt war.

Lange ist das her. Und ewig habe ich nicht mehr daran gedacht. Doch pl├Âtzlich frage ich mich: Gibt es so etwas heute noch? H├Ârspiele? Nicht f├╝r Kinder, sondern Geschichten f├╝r Erwachsene? Auf meinem Radiosender, den ich quasi ├╝berall und ausschlie├člich h├Âre, jedenfalls nicht. Also mache ich mich auf die Suche und google mal. “H├Ârspiele” – 11.000.000 Treffer. Da muss auch was f├╝r mich dabei sein…

Ah, da: RadioTatort. Ich bin dann mal in der Wanne – Krimi h├Âren. :-)

Sessel des Grauens

Eines Tages stand neben der M├╝lltonne des Nachbarhauses ein roter Sessel.
Mit seinem samtweichen kirschroten Pl├╝schbezug lockte er: Nimm mich mit! Setz dich doch!

Da ich jedoch an Penny, Sheldon und deren Sessel dachte ÔÇô wer Big Bang Theorie kennt und die entsprechende Folge gesehen hat, wei├č, wovon ich spreche ÔÇô widerstand ich der Verlockung.

Ich hatte gut daran getan, denn schon am n├Ąchsten Morgen zeigte sich: Dies war kein gew├Âhnlicher Sessel. Er konnte wandern. Gestern kuschelte er sich noch an die M├╝lltonnen des Nachbarhauses, heute gegen die vor meinem Haus. Dann unternahm er einen Ausflug zum Kinderspielplatz. Dort gefiel es ihm auch nicht, und so kehrte er zu seinem Platz an der M├╝lltonne zur├╝ck. Aber er konnte sich nicht entscheiden. Nummer 7? Oder doch lieber Nummer 8? So gab es einige Wochen ein Hin und Her, bis er wohl des Wanderns m├╝de und sesshaft wurde.

Scheinbar friedlich stand oder lag er neben seiner Tonne. Doch unter der Oberfl├Ąche des kirschroten Pl├╝schbezugs arbeitete und brodelte es. Eines Tages zeigte es sich. Von der ├ľffentlichkeit unbemerkt hatte sich der Sessel geteilt. Nun belagerten sie zu zweit die M├╝lltonnen. Und die bange Frage stellte sich: Wie oft w├╝rden sie sich noch vermehren? Sind wir bald von einer Armee alter Sessel belagert?

Einmal traute ein mutiger Recke sich an das Unget├╝m heran. Mit einem Messer schlitzte er ihm den Bauch auf, um in das Innere zu schauen und dem B├Âsen auf die Spur zu kommen.
Das hatte offensichtlich gewirkt, denn kurze Zeit sp├Ąter waren die beiden Sessel so unbemerkt verschwunden, wie sie gekommen waren. Erleichterung allerorten. Danke, du unbekannter Held!

Doch dann der Schreck. Wieder wird die M├╝lltonne belagert. Diesmal von einem alten Tisch. Hat das Grauen denn nie ein Ende?