Zeit

Zum neuen Jahr

Zum neuen Jahr

Zu Neujahr

Will das Gl├╝ck nach seinem Sinn
dir was Gutes schenken,
sage dank und nimm es hin
ohne viel Bedenken.

Jede Gabe sei begr├╝├čt,
doch vor allen Dingen
Das, worum du dich bem├╝hst
m├Âge dir gelingen.

Wilhelm Busch (1832-1908)

Simples Neujahrslied

Vor├╝ber ist das alte Jahr,
Ich w├╝nsche Gl├╝ck zum neu’n!
Was euch das alte noch nicht war,
Soll euch das neue sein.

Ich greife zu dem vollen Glas,
Und trink es aus und sag,
Ich w├╝nsche jedem alles, was
Er selbst sich w├╝nschen mag.

Ich w├╝nsch euch alles, was auch euch
Befriediget und reizt,
Und dass mit euern W├╝nschen sich
Der meinen keiner kreuzt!

So treten wir ins neue Jahr
Getrosten Mutes ein –
Und was im alten noch nicht war,
Erf├╝lle sich im neu’n!

(Ludwig Eichrodt, 1827-1892)

Fr├╝hlingserwachen

In der Pause stehe ich auf dem Balkon und halte meine Nase in die Sonne. Ich schlie├če meine Augen und genie├če die w├Ąrmenden Strahlen der Fr├╝hlingssonne. Doch wenn ich sie wieder ├Âffne, sehe ich im Garten gegen├╝ber immer noch die Schneereste. Der Winter klammert sich mit wei├čen Fingern fest und pustet seinen eiskalten Atem durch meine Jacke.

Doch der Fr├╝hling l├Ąsst sich nicht vertreiben. Im Vorgarten stehen die Narzissen in Bereitschaft. Schon vor Wochen streckten sie ihre gr├╝nen Spitzen durch den Schnee. Nun ist hier der Schnee verschwunden. Die Narzissen sind immer noch klein, aber bereit. Ich sehe ihre dicken Knospen zwischen den Bl├Ąttern. Jeden Tag werden die Schneeflecken kleiner. Und auch wenn das Tauwasser auf den Pf├╝tzen jede Nacht wieder gefriert – lieber Winter, du kannst den Fr├╝hling vielleicht aufhalten, aber nicht vertreiben!

Fr├╝hling im Supermarkt

Heute habe ich zugeschlagen und mir die ersten Fr├╝hlingsboten aus dem Supermarkt in meine Wohnung geholt. Schon vor Wochen hab ich sie dort liegen gesehen und mich gefreut – der Fr├╝hling naht.

‘Was, schon Anfang Januar? Ist das nicht eigentlich noch tiefster Winter?’, meldet sich ein kleiner Gedanke im Hintergrund.

‘Geh weg!’, versuche ich ihn zu verscheuchen. Aber er dr├Ąngelt sich zur├╝ck.

‘Wenn p├╝nktlich am ersten September der Supermarkt voll ist mit Lebkuchen und Dominosteinen, meckerst du auch.’

Und richtig, dann will ich den Sommer noch festhalten und nicht an K├Ąlte, Dunkelheit und Weihnachten denken. Also hatte ich meine Scheuklappen ausgepackt und die Regale mit all dem Weihnachtskrempel, den der Handel so nett als “Herbstgeb├Ąck” bezeichnet, fortan ignoriert. Und das so nachhaltig, dass mir erst ein paar Tage vor dem Fest auffiel, dass ich den ganzen Advent ├╝ber keine einzige Packung Dominosteine und keine T├╝te Lebkuchen gekauft hatte. Als ich dieses Vers├Ąumnis nun nachholen wollte, war es zu sp├Ąt. Die Vorr├Ąte waren weg, nur noch ein paar Reste von Keksen, die ich nicht wollte. Ich zuckte die Schultern und dachte, das n├Ąchste Weihnachten kommt bestimmt.

Und nun? Gleiche Situation mit anderen Vorzeichen. Der Winter kann mir gestohlen bleiben. Ich freue mich jetzt schon auf den Fr├╝hling, dass es hell ist, wenn ich aufstehe, die ersten hellgr├╝nen Spitzen aus der Erde lugen und ich am Morgen von Vogelgezwitscher geweckt werde.

Ich ersticke die Frage, wo die Blumen wohl herkommen, wo es doch eigentlich noch zu fr├╝h ist f├╝r Osterglocken und Narzissen, stelle meinen politisch v├Âllig unkorrekten Strau├č in die Vase und tr├Ąume vom Fr├╝hling.

November

Solchen Monat muss man loben;
Keiner kann wie dieser toben,
keiner so verdrie├člich sein,
und so ohne Sonnenschein!
Keiner so in Wolken maulen,
keiner so mit Sturmwind graulen!
Und wie nass er alles macht!
Ja, es ist ‘ne wahre Pracht.

Seht das sch├Âne Schlackerwetter!
Und die armen welken Bl├Ątter,
wie sie tanzen in dem Wind
und so ganz verloren sind!
Wie der Sturm sie jagt und zwirbelt
und sie durcheinanderwirbelt
und sie hetzt ohn’ Unterlass;
Ja, das ist Novemberspa├č!

Und die Scheiben, wie sie rinnen!
Und die Wolken, wie sie spinnen
Ihren feuchten Himmelstau
Ur und ewig, tr├╝b und grau!
Auf dem Dach die Regentropfen:
Wie sie pochen, wie sie klopfen!
Und an jeder Traufe h├Ąngt
Tr├Ąn’ an Tr├Ąne dicht gedr├Ąngt.

O, wie ist der Mann zu loben,
Der solch unvern├╝nft’ges Toben
Schon im voraus hat bedacht
Und die H├Ąuser hohl gemacht!
So dass wir im Trocknen hausen
Und mit stillvergn├╝gtem Grausen
Und in wohlgeborgner Ruh
Solchem Gr├Ąuel schauen zu!

Gedicht von Heinrich Seidel (1842-1906)

Die vierte Dimension

Astronomische Uhr der Marienkirche in Rostock

Wir k├Ânnen sie nicht h├Âren.
Wir k├Ânnen sie nicht sehen.
Wir k├Ânnen sie nicht anfassen.

Wir k├Ânnen sie nicht riechen und nicht schmecken und trotzdem ist sie immer in unserem Bewusstsein – die Zeit. Meistens als etwas, wovon wir nichts oder zu wenig haben. Aber kann man Zeit wirklich haben?
Dem Tag folgt die Nacht und wieder ein Tag. Im Wechsel der Jahreszeiten dreht sich die Jahresuhr. Zeit ist Ver├Ąnderung. Wir k├Ânnen nicht zweimal am selben Fluss stehen, denn auch der hat seine Zeit und ├Ąndert sich.

Wir messen sie und pressen sie in ein System aus Stunden, Minuten und Sekunden. Sie bestimmt unser Leben. P├╝nktlichkeit ist ein hohes Gut in unserer Gesellschaft. Wir schimpfen, wenn wir warten m├╝ssen und Zeit “verschwenden”. Manchmal schrecken wir auf und fragen uns: Wo ist die Zeit geblieben?

Sie vergeht. Aus Zukunft wird Gegenwart und Vergangenheit. Nur ein Wimpernschlag – und schon ist der Augenblick vorbei und nur noch Erinnerung.
Wir erleben die Zeit. Manchmal scheint sie sich auszudehnen und schleicht dahin. Die Stunde des Wartens will nicht vergehen. Dann wieder zieht sie sich zusammen und rast vorbei. Manchmal scheint sie still zu stehen und wir nehmen im Bruchteil einer Sekunde so viele Gedanken und Eindr├╝cke in uns auf, wie sie sonst f├╝r einen ganzen Tag reichen.

Zeit – sie entzieht sich einer einheitlichen Definition. Physiker, Philosophen, Sprachwissenschaftler, jeder beschreibt sie anders. Aber wie auch immer – nutzen wir die Zeit, die uns gegeben ist.

“All we have to decide is what to do with the time that is given to us.” [1]

“F├╝lle den Tag mit nichts, und er ist vorbei, wenn die Sonne untergeht. Wenn du ihn aber nutzt, ist ein Tag wie hundert Jahre.” [2]

Ein R├Âslein lebte nur zwei Tage.
Ein Veilchen rief: “Beneidenswerte Lage!
Du lebst ja eine Ewigkeit.'” ÔÇö
So messen wir die Zeit. [3]

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[1] aus: J.R.R.Tolkien: The Lord Of The Rings
[2] aus: Claudia Gudelius: Feuerfrosch
[3] hier gefunden und zitiert: gedichte.xbib.de